10.03.2026
IFRS 18: Die systemische Revolution in der Finanzberichterstattung – Handlungsbedarf für SAP-Entscheider
Das International Accounting Standards Board (IASB) hat im April 2024 den neuen Standard IFRS 18 „Presentation and Disclosure in Financial Statements" veröffentlicht. Ab dem 1. Januar 2027 wird dieser Standard den bisherigen IAS 1 ersetzen und eine verpflichtende retrospektive Anwendung auf die Vergleichsperiode erfordern. Für CFOs, Leiter Finanzen und Controlling bedeutet dies nicht nur eine Umgestaltung der Finanzberichterstattung, sondern auch eine tiefgreifende technische Transformation in SAP FI/CO und Group Reporting. Die Zeit zum Handeln ist jetzt – nicht erst 2027.
Die Ausgangslage: Ein neuer Standard, ein neuer Handlungsdruck
Die Veröffentlichung des IFRS 18 ist ein Meilenstein in der internationalen Rechnungslegung. Der Standard bricht mit jahrzehntelangen Konventionen und führt eine einheitliche, konzeptionell kohärente Struktur für die Finanzberichterstattung ein. Dies ist nicht nur eine kosmetische Änderung der Darstellungsweise, sondern eine fundamentale Neustrukturierung, die Auswirkungen auf alle Ebenen der Finanzfunktion hat – von der Dateneingabe in SAP bis zur Konzernberichterstattung.
Was viele Finanzentscheider noch nicht vollständig erfasst haben, ist das Ausmaß der Systemanpassungen, die erforderlich sind. Die Umstellung auf IFRS 18 ist nicht mit einem Software-Update vergleichbar, sondern erfordert eine umfassende Neugestaltung von Kontenplänen, Kontenzuordnungen, Berichtswerkzeugen und Geschäftsprozessen.
Die neuen Anforderungen des IFRS 18: Drei zentrale Veränderungen
1. Die neue Struktur der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV)
Der IFRS 18 schreibt eine einheitliche GuV-Struktur vor, die sich fundamental von der bisherigen Darstellung unterscheidet. Die neue Struktur gliedert sich in vier Kategorien:
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Operating (Betrieb): Alle Erträge und Aufwendungen, die aus der normalen Geschäftstätigkeit entstehen.
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Investing (Investitionen): Erträge und Aufwendungen aus Investitionstätigkeiten, einschließlich Erträge und Aufwendungen aus assoziierten Unternehmen und Joint Ventures, die nach der Equity-Methode bilanziert werden.
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Financing (Finanzierung): Alle finanzierungsbezogenen Erträge und Aufwendungen, insbesondere gezahlter Zinsen und Dividenden.
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Taxes and Discontinued Operations: Ertragssteuern und nicht fortgeführte Geschäftsbereiche.
Besonders bedeutsam sind die zwei neuen verpflichtenden Zwischensummen, die der IFRS 18 einführt: der Operative Gewinn/Verlust und der Gewinn/Verlust vor Finanzierung und Ertragssteuern. Diese Zwischensummen sind nicht optional – sie müssen in jedem Abschluss ausgewiesen werden.
2. Management-Defined Performance Measures (MPMs): Regulatorische Verpflichtung statt freiwillige Offenlegung
Der IFRS 18 führt erweiterte Anforderungen an die Offenlegung von Management-Defined Performance Measures (MPMs) ein. Dabei handelt es sich um Leistungskennzahlen wie „bereinigtes EBITDA", „Adjusted Operating Income" oder „Working Capital", die das Management extern kommuniziert, aber nicht explizit durch IFRS definiert sind.
Bislang waren solche Kennzahlen eine Sache der freiwilligen Offenlegung. Der IFRS 18 macht sie zur regulatorischen Pflicht. Unternehmen müssen diese MPMs künftig im Anhang offenlegen und eine nachvollziehbare Überleitung zu den neuen IFRS-Zwischensummen bereitstellen. Dies bedeutet konkret: Jede MPM muss mit Steuereffekten und Effekten auf nicht-beherrschende Anteile bis zu den IFRS-Zwischensummen überleitet werden.
Dies ist ein fundamentaler Wandel. MPMs werden nun Gegenstand der Jahresabschlussprüfung durch externe Wirtschaftsprüfer und unterliegen damit den gleichen Anforderungen an Nachvollziehbarkeit und Revisionssicherheit wie die IFRS-Abschlüsse selbst.
3. Änderungen in der Kapitalflussrechnung (IAS 7)
Der IFRS 18 beeinflusst auch die Kapitalflussrechnung nach IAS 7. Künftig müssen gezahlte Zinsen und Dividenden der Finanzierungstätigkeit zugeordnet werden, während erhaltene Zinsen und Dividenden der Investitionstätigkeit zuzuordnen sind. Dies eliminiert bisherige Wahlrechte und führt zu einer vereinheitlichten Darstellung.
Für die Ermittlung des Cashflows aus operativer Geschäftstätigkeit nach der indirekten Methode wird der neue Operative Gewinn oder Verlust zum Ausgangspunkt – nicht mehr, wie bisher, das Ergebnis vor Ertragssteuern.
Die Auswirkungen auf SAP FI/CO und Group Reporting: Ein tiefgreifender Transformationsbedarf
Die Anforderungen des IFRS 18 haben weitreichende Konsequenzen für die SAP-Systemlandschaft und die Finanzprozesse:
Konten-Mapping und Kontenzuordnung
Das bisherige Konten-Mapping muss umfassend überarbeitet werden. Jedes Konto im SAP-System muss einer der neuen IFRS 18-Kategorien zugeordnet werden. Dies ist nicht trivial, besonders für komplexe Organisationen mit mehreren Gesellschaften und Geschäftsbereichen.
Ein konkretes Beispiel: Aufwendungen und Erträge aus assoziierten Unternehmen, die nach der Equity-Methode bilanziert werden, müssen künftig der Kategorie Investitionen zugeordnet oder sogar aufgesplittet werden. Dies erfordert eine Überprüfung und Anpassung aller relevanten Konten in SAP.
Kontenplan und Kostenstellenlogik
Die neue Klassifizierung macht oft eine Anpassung des Kontenplans und der Kostenstellenlogik im ERP-System notwendig. Dies ist besonders relevant für Unternehmen, die das Umsatzkostenverfahren (UKV) anwenden, da hier zusätzliche Informationen im Anhang offengelegt werden müssen. Dies erfordert eine granularere Datenerfassung auf Kostenstellenebene.
Konzern-Mapping und Group Reporting
Für den Konzernabschluss muss das Mapping der lokalen Abschlüsse auf die Konzernpositionsnummern überarbeitet werden. Dies ist ein komplexes Unterfangen, besonders für Konzerne mit vielen Tochtergesellschaften in verschiedenen Ländern, die nach unterschiedlichen lokalen Standards bilanzieren.
Berichtswerkzeuge und Berichtsprozesse
Die bestehenden Berichtswerkzeuge – ob SAP Analytics Cloud, SAP BI oder andere Reporting-Tools – müssen angepasst werden, um die neuen GuV-Strukturen abzubilden. Dies umfasst nicht nur die Anpassung von Berichten, sondern auch die Überprüfung und Anpassung der zugrunde liegenden Datenmodelle.
Governance und Revisionssicherheit
Die Anforderung, MPMs mit vollständigen Überleitungsrechnungen offenzulegen, erhöht den Druck auf das Controlling und das Berichtswesen. Es muss sichergestellt werden, dass die zur externen Kommunikation genutzten Kennzahlen konsistent berechnet und die Überleitungsrechnungen systemgestützt und revisionssicher erstellt werden können.
Die Herausforderung der retrospektiven Anwendung
Ein kritischer Punkt ist die Anforderung der retrospektiven Anwendung. Dies bedeutet, dass Unternehmen nicht nur den Abschluss 2027 nach IFRS 18 darstellen müssen, sondern auch die Vergleichsperiode 2026. Dies erfordert, dass die neuen Strukturen und Mappings bereits für das Geschäftsjahr 2026 in den SAP-Systemen implementiert und getestet werden.
Dies schafft einen enormen Zeitdruck. Unternehmen müssen ihre Impact-Analyse jetzt durchführen, ihre Systeme jetzt anpassen und ihre Prozesse jetzt neu gestalten, um die Daten für 2026 im Format 2027 bereitstellen zu können.
Handlungsempfehlungen: Ein strukturiertes Vorgehen
Finanzentscheider sollten sofort handeln:
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Erstens, eine umfassende Impact-Analyse durchführen: Analysieren Sie, welche Auswirkungen der IFRS 18 auf Ihre Kontenpläne, Kontenzuordnungen, Berichtswerkzeuge und Geschäftsprozesse hat. Dies sollte in enger Zusammenarbeit mit Ihren SAP-Systemen und Ihren Wirtschaftsprüfern erfolgen.
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Zweitens, ein Projekt-Governance-Modell etablieren: Gründen Sie ein Projektteam mit Vertretern aus Finanzbuchhaltung, Controlling, Group Reporting, IT und Wirtschaftsprüfung. Definieren Sie klare Rollen, Verantwortlichkeiten und Meilensteine.
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Drittens, eine Roadmap entwickeln: Erstellen Sie eine detaillierte Roadmap für die Implementierung der IFRS 18-Anforderungen. Dies sollte Phasen für die Systemanalyse, die Systemanpassung, das Testing und die Pilotierung umfassen.
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Viertens, externe Expertise hinzuziehen: Erwägen Sie, einen Berater mit Expertise in IFRS 18 und SAP FI/CO hinzuzuziehen. Die Komplexität dieser Umstellung erfordert spezialisiertes Wissen.
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Fünftens, frühzeitig mit den Wirtschaftsprüfern abstimmen: Arbeiten Sie eng mit Ihren Wirtschaftsprüfern zusammen, um sicherzustellen, dass Ihre Implementierung den Anforderungen des IFRS 18 entspricht.
Fazit: Die Zeit zum Handeln ist jetzt
Die Umstellung auf IFRS 18 ist eine der größten Herausforderungen, denen sich Finanzfunktionen in den kommenden Jahren gegenübersehen. Sie erfordert nicht nur eine Umgestaltung der Finanzberichterstattung, sondern auch eine tiefgreifende Transformation der SAP-Systeme und Finanzprozesse.
Unternehmen, die jetzt proaktiv handeln und ihre Systeme und Prozesse systematisch anpassen, werden nicht nur die Compliance sicherstellen, sondern auch ihre Finanzfunktion modernisieren und ihre Berichterstattung verbessern. Wer wartet, bis 2027 unmittelbar bevorsteht, wird sich mit Zeitdruck, höheren Kosten und erhöhtem Risiko konfrontiert sehen.
Die Zeit zum Handeln ist jetzt. CFOs und Finanzleiter sollten diese Gelegenheit nutzen, um ihre Finanzfunktion auf ein neues Niveau zu heben.